Diese Band rockt ein Seniorenheim

Der Verein „Klang & Leben“ spielt Konzerte in Altenheimen / Profimusiker geben Vollgas und die Senioren machen Party

tk. Buxtehude. „Das ist doch nichts für ein Seniorenheim“, sagt eine alte Dame zu ihrer Sitznachbarin im Seniorenheim „Waldburg“ in Buxtehude, nachdem die Band ihren Soundcheck beendet hatte. Die beiden betagten Damen ziehen sich lieber ins ruhige Foyer zurück. Wie sehr sie sich getäuscht haben, zeigt sich wenig später: Die Band hat das Altenheim gerockt. Gegen Ende des Konzerts reißt ein älterer Mann beide Arme hoch. Atmosphäre wie bei einem Rockkonzert. „Manchmal hebt die Decke ab“, sagt Frontmann Oliver Perau. „Nur Stagediving bekommen die älteren Herrschaften nicht mehr hin.“ Beim rockigen „Quando Quando“ bebt die Waldburg trotzdem und drei Paare tanzen. „Klang & Leben“ heißt der Verein aus Hannover, der die Konzerte in Altenheimen organisiert. 341 Konzerte haben die Musiker in wechselnder Besetzung in den vergangenen sieben Jahren gespielt – ehrenamtlich. Das Besondere daran: Es sind Profis, die auf Seniorenheim-Tour sind.

Perau ist Gründer und Frontmann der Band „Terry Hoax“ und unter dem Künstlernamen Juliano Rossi erfolgreich im Bereich Swing und Jazz unterwegs. Jens Eckhoff, in der Waldburg an der Gitarre, ist Keyboarder und Gitarrist bei „Wir sind Helden“. Der Verein wurde unter anderem von einem Bandmitglied von „Fury in the Slaughterhouse“ aus der Taufe gehoben. „Du musst selbst begeistert sein und damit andere begeistern“, sagt Oliver Perau nach dem Auftritt. Der Sänger ist im besten Wortsinn eine Rampensau und reißt seine betagten Zuhörer mit Charme, Witz und einer echten Performance mit. Es sind bekannte Schlager, die die Musiker auf ihrer Setlist haben. Beim Refrain der „Caprifischer“ singen alle lautstark „Bella, Bella, Bella Marie“ mit. Füße wippen, Arme schaukeln im Rhythmus. „Es berührt mich, wenn die Menschen so mitgehen“, sagt Perau nach dem Konzert. Die Musiker wechseln zwischen ruhigen Liedern wie Peggy Marchs „Mit 17 hat man noch Träume“ und schnelleren

Gitarrist Jens Eckhoff bittet zum Tanz Foto: tk
Voller Power und Begeisterung: Oliver Perau liefert eine Performance ab und singt nicht nur alter Schlager Foto: tk

Nummern wie Cliff Richards „Rote Lippen soll man küssen“. Wenn die Zuhörer spürbar abgehen, steigert die Band unmerklich das Tempo – Rock ’n‘ Roll im Altenheim. Die Frage, warum ein Rock- und Jazzsänger wie Perau vor betagten Musikfans spielt, beantwortet er mit einem Satz: „Du musst nur in die Augen der Menschen blicken und das Glück darin sehen.“ Warum es dann nicht mehr gestandene Musikprofis gibt, die auf Seniorenheim- Tour gehen? „Vielleicht ist das nicht hip genug“, überlegt Oliver Perau. Wobei die Arbeit hinter den Kulissen bei „Klang & Leben“ nicht unterschätzt werden dürfe. Der Verein, der mit Musik eine Tür in die Vergangenheit öffnet, wenn Menschen in der Gegenwart den Bezug zum Hier und Jetzt allmählich verlieren, muss die gesamte Logistik stemmen und Sponsoren begeistern. Außerdem bietet „Klang & Leben“ Workshops für Mitarbeiter aus Senioreneinrichtungen an, damit Musik, die auch aus der Konserve kommen darf, eine größere Rolle im Alltag von Pflegeeinrichtungen spielt. Damit der Verein bei den Konzerten präsent ist, hat die Band auch keinen Namen. In der Waldburg herrscht Mega-Stimmung. Wie bei jedem guten Rockkonzert steuert die Band auf den Höhepunkt zu: „Pigalle“ von Bill Ramsey und Oliver Perau gibt Vollgas. „Junge, kommt bald wieder“ als Zugabe ist gleichzeitig das Motto beim Abschied: „Diese Band soll wiederkommen“, findet Renate Borchers, die die Waldburg leitet. Zwei Jahre hat sie auf den Auftritt gewartet und will am Abend gleich die nächste Bewerbung für ein Konzert rausschicken.

Mehr Infos über das Projekt unter www.klangundleben.org.